Am 13. Oktober 1307 ließ der französische König Philipp IV. die Templer in seinem Reich verhaften. In der späteren Erzählung entkamen jedoch achtzehn Galeeren aus La Rochelle – angeblich mit dem Schatz des Ordens. Der entscheidende Beleg für diese Flotte ist viel schmaler, als die Geschichte vermuten lässt.
Was Jean de Châlons über die 18 Galeeren der Templer sagte
In einem Verhör vor einer päpstlichen Untersuchungskommission berichtete der Templer Jean de Châlons, er habe gehört, Gerard de Villiers sei mit achtzehn Galeeren auf See gegangen. Das ist ein überlieferter Satz aus einem Prozess, aber keine eigene Beobachtung des Zeugen. Châlons nannte darin weder einen Hafen noch ein Ziel, einen Abfahrtstag oder eine Ladung.
In derselben Aussage ist von einem Schatz die Rede. Der Satz betrifft aber einen anderen Mann: Hugues de Châlons soll mit dem Schatz von Hugues de Pairaud geflohen sein. Aus dem Protokoll folgt gerade nicht, dass sich dieser Schatz auf den Galeeren befand. Die Edition der Prozessquelle bei Heinrich Finke macht diese Trennung nachvollziehbar.
Wie aus Hörensagen eine Fluchtgeschichte wurde
Die spätere Erzählung ergänzte mehrere Schritte: La Rochelle als Ausgangshafen, eine gemeinsame Flucht aller Schiffe, wertvolle Fracht und schließlich Reiseziele wie Schottland oder Amerika. Keines dieser Details steht in dem entscheidenden Verhörsatz. Der historische Hafen La Rochelle war für den Orden wichtig; seine Bedeutung ersetzt aber keinen Beleg für eine Abfahrt von achtzehn Galeeren an jenem Tag.
Auch die Zahl ist nicht unabhängig durch eine zeitgenössische Flottenliste abgesichert. Es bleibt möglich, dass Châlons ein reales Ereignis zu Ohren kam. Ob die Nachricht zutraf und welche Schiffe gemeint waren, ist damit nicht entschieden.
Was sich trotzdem über die Templer auf See sagen lässt
Der Orden war keineswegs ohne maritime Mittel. Er organisierte Überfahrten, nutzte Schiffe für Pilger, Pferde und Vorräte und konnte Frachtraum chartern. Der Nachweis solcher Fahrten ist jedoch etwas anderes als der Nachweis einer geheimen Armada von La Rochelle. Genau diese Trennung zwischen Tätigkeit und Legende ist nötig, wenn man die Quellen ernst nimmt. Ähnlich beschreibt unser Beitrag zur Quellenarbeit in der Seegeschichte, warum eine attraktive Rekonstruktion ihren Beleg nicht ersetzen kann.
Die Überlieferung des Verhörs und die spätere Entwicklung der Flottenlegende behandelt Stephan Graf Mueller ausführlicher in Die Schattenflotte der Templer.