Hosanna Z.592: Nach 46 Jahren hat ein namenloses Wrack wieder einen Namen

4. Oktober 2026

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Stephan Graf Mueller

Mehr als vier Jahrzehnte lang blieb offen, was mit dem Fischereifahrzeug Hosanna Z.592 und den fünf Menschen an Bord geschehen war. Im Februar 1980 verschwand das Schiff auf einer Fahrt durch den Ärmelkanal. Rettungsflöße wurden gefunden, eine Ölspur wurde beobachtet, Suchaktionen blieben erfolglos. Das Schiff selbst blieb verschwunden.

Im September 2026 gelang nun die Identifikation eines Wracks vor Dover. Entscheidend war nicht ein einzelner spektakulärer Fund, sondern das Zusammenspiel aus Archivarbeit, historischen Positionsangaben und gezielten Tauchgängen.

Damit ist ein 46 Jahre alter maritimer Vermisstenfall in einem wesentlichen Punkt geklärt: Das Wrack der Hosanna ist gefunden und identifiziert. Die genaue Ursache ihres Untergangs ist dagegen weiterhin nicht abschließend geklärt.

Ein Schiff verschwindet

Die Hosanna war ein rund 25 Meter langes stählernes Fischereifahrzeug. Mitte Februar 1980 befand sie sich auf einer Fahrt von Plymouth in Richtung Scheveningen beziehungsweise Zeebrugge. An Bord waren fünf Menschen.

Nach dem Auslaufen brach der Kontakt ab. Am 16. Februar wurde im Bereich der Goodwin Sands ein Rettungsfloß mit der Kennzeichnung Z.592 gefunden. Ein weiteres Floß war zuvor vor der französischen Küste entdeckt worden.

Besonders bemerkenswert ist eine Beobachtung des britischen Tankers Bencleuch: Nach späteren Berichten war eines der Flöße mit einer Leine an etwas unter Wasser befestigt, während auf der Oberfläche Öl zu sehen war. Die Leine wurde durchschnitten. Damit ging möglicherweise genau die Spur verloren, die unmittelbar zum Wrack hätte führen können.

Die Spur im Archiv

Die Stiftung Onderzoek Maritieme Vermisten aus den Niederlanden beschäftigte sich erneut mit dem Verschwinden der Hosanna. Statt einfach dort zu suchen, wo 1980 bereits gesucht worden war, wurden historische Unterlagen ausgewertet. Dazu gehörten alte Positionsangaben, Rettungsfloßfunde und damalige Seezeichen beziehungsweise Bojenpositionen.

Eine historische Positionsangabe lässt sich nicht immer ohne Weiteres auf eine moderne Seekarte übertragen. Bojen können verlegt, Navigationssysteme geändert und Positionsangaben unterschiedlich bezogen worden sein.

Aus dieser Rekonstruktion entstand ein neuer Suchraum in der Straße von Dover. Dort geriet ein konkretes Wrack in den Fokus.

Zwei Tauchgänge zur Identität

Im Sommer 2026 unterstützte das britische Team von Mutiny Diving die Untersuchung. Ein erster Tauchgang am 10. August sollte klären, ob das Wrack überhaupt zur Hosanna passen konnte.

Das Wrack liegt aufrecht auf dem Meeresboden. Das Arbeitsdeck befindet sich ungefähr in 47 Metern Tiefe, der umgebende Grund bei rund 52 Metern. Das Steuerhaus steht nicht mehr, wodurch ein möglicher Identifikationspunkt fehlte.

Am 24. September folgte ein zweiter Tauchgang. Danach wurde die Identifikation bestätigt. Besonders wichtig waren Merkmale der Winde beziehungsweise Winsch, die mit historischen Fotografien verglichen werden konnten. Zudem wurden Gegenstände geborgen, darunter ein Funkgerät mit einer Beschriftung, die auf Ostende verwies.

Was wissen wir über den Untergang?

Bei der Ursache ist Vorsicht nötig. In einzelnen aktuellen Berichten wird aus den Unterwasserbildern auf eine Kollision geschlossen. Andere Fachmeldungen formulieren ausdrücklich zurückhaltender und halten die Ursache weiterhin für ungeklärt.

Gesichert ist derzeit die Identität des Wracks. Dass die Hosanna durch eine Kollision sank, ist eine plausible Arbeitshypothese, aber nicht in derselben Weise gesichert wie die Identifizierung selbst.

Ein Lehrstück für maritime Cold Cases

Der Fall Hosanna zeigt ein Muster, das bei historischen Vermisstenfällen immer wieder wichtig wird: Ein früher Suchfehler oder eine ungenaue Positionsannahme kann eine Untersuchung für Jahrzehnte in die falsche Richtung lenken.

Das Wrack lag nicht plötzlich neu auf dem Meeresboden. Es war dort wahrscheinlich seit 1980. Neu war die Frage, wo genau man suchen musste.

Ähnliche Fälle werden heute durch die Kombination verschiedener Methoden lösbar: historische Archive, moderne Sonardaten, Wrackregister, Positionsrekonstruktionen, Unterwasserfotografie und der Vergleich einzelner technischer Bauteile.

Was nach dem Fund offenbleibt

Mit der Identifikation endet die Suche nach dem Schiff. Sie beantwortet aber nicht automatisch jede Frage. Warum sank die Hosanna? Kam es tatsächlich zu einer Kollision? Welches andere Schiff könnte beteiligt gewesen sein? Warum wurde das Wrack trotz der damaligen Hinweise nicht gefunden?

Diese Fragen können künftig möglicherweise noch genauer beantwortet werden. Für die Angehörigen der fünf Menschen an Bord ist der Fund zugleich ein Ort, der nach 46 Jahren Gewissheit darüber schafft, wo ihre letzte Fahrt endete.

Quellen

Mutiny Diving, 29.09.2026

Baird Maritime, 01.10.2026

Visserij.nl, 26.09.2026

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