Rund zwei Kilometer vor der Küste des indischen Bundesstaates Tamil Nadu haben Unterwasserarchäologen im September 2026 neue Funde geborgen. In 10 bis 12 Metern Wassertiefe kamen unter anderem Keramikfragmente, Teile eines sogenannten Torpedo-Jars, Ringbrunnen und weitere Objekte ans Licht.
Die Fundstelle liegt vor Poompuhar, dem antiken Kaveripoompattinam an der Mündung des Kaveri in den Golf von Bengalen.
Schon lange gilt der Ort als bedeutender Hafen der frühen Chola-Zeit. Tamilische Literatur beschreibt eine wohlhabende Hafenstadt und weitreichenden Handel. Teile der alten Siedlungslandschaft werden heute unter Wasser vermutet.
Die neuen Funde sind deshalb spektakulär. Sie sollten aber präzise eingeordnet werden: Archäologen haben nicht plötzlich eine vollständig erhaltene „versunkene Stadt“ entdeckt. Sie haben weitere materielle Belege aus einer bereits seit Langem untersuchten untermeerischen Kulturlandschaft geborgen.
Ein Hafen zwischen Fluss und Meer
Poompuhar liegt dort, wo der Kaveri den Golf von Bengalen erreicht. Solche Flussmündungen waren für frühe Handelszentren besonders attraktiv. Waren konnten aus dem Hinterland über den Fluss an die Küste gelangen und dort auf Seeschiffe umgeladen werden.
In tamilischer Sangam- und späterer Literatur erscheint Kaveripoompattinam als reger Hafen- und Handelsplatz. Literarische Überlieferung ist jedoch kein archäologischer Beweis. Entscheidend ist daher die Frage, welche Beschreibungen sich durch materielle Funde überprüfen lassen.
Die Untersuchungen von 2026
Im September 2026 führte das Tamil Nadu State Department of Archaeology gemeinsam mit der Indian Maritime University eine neue Phase der Unterwassererkundung durch. Das Gebiet wurde zunächst mit Side-Scan-Sonar und Echolot untersucht. Auffällige Strukturen am Meeresboden konnten anschließend gezielt von Tauchern geprüft werden.
Die Taucher arbeiteten ungefähr 1,8 bis 2,2 Kilometer vor der heutigen Küste in Wassertiefen von etwa 10 bis 12 Metern. Zu den Funden zählen mehr als 250 Keramikfragmente, vier Ringbrunnen, glasierte Keramik, Kalksteinbasen von Figuren sowie ein Fragment eines sogenannten Torpedo-Jars.
Was ist ein Torpedo-Jar?
Der Name klingt moderner, als der Gegenstand ist. Torpedo-Jars sind längliche Transportgefäße mit schmaler Öffnung und meist zugespitztem beziehungsweise gerundetem Unterteil. Solche Gefäße wurden im westasiatischen und indischen Ozeanraum für den Transport von Flüssigkeiten genutzt.
Nach Angaben der beteiligten Archäologen handelt es sich bei dem aktuellen Stück um den ersten unter Wasser vor Poompuhar gefundenen Torpedo-Jar-Fragmentfund dieser Art. Die vorläufige Einordnung weist nach Westasien. Genauere typologische und materialwissenschaftliche Untersuchungen sollen noch folgen.
Wenn sich diese Herkunft bestätigt, wäre der Fund ein weiterer materieller Hinweis darauf, dass Poompuhar in weitreichende Handelsnetze des Indischen Ozeans eingebunden war.
Ringbrunnen auf dem Meeresboden
Vier Ringbrunnen wurden bei der aktuellen Kampagne dokumentiert. Die beteiligten Forscher halten es für möglich, dass ihre Lage auf einen früheren Flussarm oder Paläokanal hinweist. Das wäre für die Rekonstruktion der alten Küstenlandschaft von großer Bedeutung.
Eine Küste, die sich verändert
Flussmündungen gehören zu den dynamischsten Landschaften überhaupt. Sedimente werden abgelagert und wieder abgetragen. Flussarme verlagern sich. Sturmereignisse und Extremwellen können Küstenlinien verändern. Bei Poompuhar kommt starke Küstenerosion hinzu.
Deshalb wäre es zu einfach, die heutigen Funde automatisch mit einem einzigen katastrophalen Untergangsereignis zu erklären. In populären Darstellungen taucht häufig die Vorstellung auf, eine gewaltige Flut oder ein Tsunami habe die Stadt auf einmal im Meer verschwinden lassen. Die wissenschaftliche Rekonstruktion muss zwischen literarischer Überlieferung, geomorphologischer Entwicklung und archäologischem Befund unterscheiden.
Was wurde tatsächlich gefunden?
Gesichert ist: Vor Poompuhar liegen archäologisch relevante Strukturen und Funde unter Wasser. Die Kampagne 2026 hat Keramik, Ringbrunnen und weitere Objekte geborgen beziehungsweise dokumentiert. Ein Torpedo-Jar-Fragment wird vorläufig als westasiatisch eingeordnet. Die Untersuchungen sind noch nicht abgeschlossen.
Nicht gesichert ist dagegen, dass eine vollständig erhaltene Stadt auf dem Meeresboden gefunden wurde, dass alle Strukturen gleichzeitig entstanden oder dass ein einzelner Tsunami die Siedlung zerstörte.
Literatur trifft auf Meeresboden
Poompuhar ist wissenschaftlich besonders reizvoll, weil hier verschiedene Quellengruppen zusammentreffen: literarische Beschreibungen eines bedeutenden Hafens, Funde an Land, geomorphologische Hinweise auf eine stark veränderte Küstenlandschaft und nun weitere Objekte aus dem Meer.
Die entscheidende Forschungsarbeit besteht nicht darin, eine alte Erzählung einfach „zu bestätigen“. Sie besteht darin, herauszufinden, welche Teile der Überlieferung sich durch unabhängige Befunde stützen lassen und wie sich Hafen, Fluss und Küste tatsächlich entwickelt haben.
Wie geht es weiter?
Nach Angaben des Tamil Nadu State Department of Archaeology ist bislang erst ungefähr ein Zehntel des vorgesehenen Unterwassergebiets untersucht. Die nächste Phase soll nach dem Monsun im Januar 2027 beginnen.
Neue Sonardaten, Datierungen der Keramik, Sedimentanalysen und eine genauere Kartierung der Ringbrunnen könnten in den kommenden Monaten erheblich verändern, wie die alte Hafenlandschaft rekonstruiert wird.
Quellen
The Indian Express, 03.10.2026