War U 47 am 10. März 1941 noch auf Sendung?

20. September 2026

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Stephan Graf Mueller

Eine neue Quellenanalyse verändert die Verlustchronologie

U 47 am 10. März 1941 – war das Boot zu diesem Zeitpunkt noch auf Sendung? In Datenbanken, Besatzungslisten und zahlreichen Veröffentlichungen gilt meist der 7. März 1941 als Verlust- oder Todestag. An diesem Tag ging der letzte zweifelsfrei dem Boot zugeordnete Funkspruch ein. Danach verschwand U 47 mit seiner 45 Mann starken Besatzung.

Doch der letzte sicher identifizierte Kontakt ist nicht automatisch der Tag, an dem ein Boot unterging.

Eine neue quellenkritische Untersuchung des Altamarin Verlags zeigt, dass die deutsche U-Boot-Führung am 10. März 1941 ein unvollständiges Kurzsignal mit Positionsangabe empfing. Als mögliche Absender wurden U 70 und – mit höherer Wahrscheinlichkeit – U 47 genannt.

Mit unserem heutigen Wissen lässt sich U 70 als Absender sicher ausschließen. Damit bleibt U 47 als einziger zeitgenössisch gestützter Kandidat.

Die Quellenlage spricht deshalb mit hoher Plausibilität dafür, dass U 47 am 10. März 1941 noch existierte.

Der Unterschied zwischen letztem Kontakt und Untergang

Am frühen Morgen des 7. März 1941 stand U 47 noch im Zusammenhang mit den Operationen gegen den Geleitzug OB 293. Eine um 04.54 Uhr überlieferte Meldung ist der letzte Funkspruch, der dem Boot zweifelsfrei zugeordnet werden kann.

Später angeforderte Positionsmeldungen blieben aus. Auch U 70 antwortete nicht mehr.

Aus dieser Situation entstand rückblickend eine einfache Chronologie: letzter sicherer Funkspruch am 7. März, anschließend keine Meldung mehr, also Verlust am 7. März.

Für Listen und Verwaltungsunterlagen war ein festes Datum notwendig. Historisch beweist dieses Datum jedoch nur den letzten sicher identifizierten Kontakt. Es beweist nicht, dass U 47 noch am selben Tag sank.

Das Kriegstagebuch des Befehlshabers der U-Boote zeigt vielmehr, dass die Lage für die deutsche Führung zunächst offenblieb. Am 9. März wurde weiterhin eine Funkstörung erwogen. Gerade bei U 47 erschien das nicht völlig abwegig, weil auf derselben Unternehmung bereits eine Störung der Sendeanlage aufgetreten war.

Das Signal vom 10. März

Am 10. März verzeichnete das Kriegstagebuch den Empfang eines unvollständigen Kurzsignals mit Positionsangabe. In der zugänglichen englischen Übersetzung wird es als „incomplete short signal giving position“ bezeichnet.

Eine angeforderte Wiederholung blieb aus. Die Führung konnte den Absender nicht sicher identifizieren, nannte aber zwei konkrete Kandidaten:

  • möglicherweise U 70,
  • wahrscheinlicher U 47.

Diese Formulierung ist wichtig. Der BdU ordnete das Signal nicht irgendeinem unbekannten Boot zu. U 47 wurde ausdrücklich genannt und bereits damals als die wahrscheinlichere Erklärung angesehen.

Allerdings fehlt heute das technische Rohmaterial. Die empfangene Zeichenfolge, das Positionsfragment, die genaue Uhrzeit, die Frequenz und mögliche Peilwerte konnten in den geprüften Onlinequellen nicht nachgewiesen werden. Eine moderne technische Neuauswertung des Signals ist deshalb nicht möglich.

Der Eintrag bleibt dennoch ein zeitgenössischer Quellenbefund: Ein Signal wurde empfangen, es enthielt eine Positionsangabe, und die damalige Führung hielt U 47 für den wahrscheinlicheren Absender.

Warum U 70 als Absender ausscheidet

Am 10. März wusste die deutsche Führung noch nicht, was mit U 70 geschehen war.

Britische Verhörunterlagen zu den Überlebenden des Bootes belegen, dass U 70 bereits am 7. März 1941 versenkt worden war. Der Kommandant und weitere Besatzungsmitglieder befanden sich in britischer Gefangenschaft. U 70 konnte drei Tage später kein Funksignal mehr senden.

Damit entfällt der einzige Kandidat, den das Kriegstagebuch neben U 47 ausdrücklich nennt.

Dieser Ausschluss erzeugt noch keinen technischen Beweis dafür, dass das Signal von U 47 kam. Er verändert die historische Bewertung aber erheblich. Aus zwei zeitgenössisch genannten Kandidaten bleibt nur derjenige übrig, der bereits bei der ursprünglichen Auswertung als wahrscheinlicher galt.

Auch die übrigen im relevanten Zeitraum operierenden Boote wurden geprüft. Für keines von ihnen konnte eine positive zeitgenössische Verbindung zu dem Signal vom 10. März nachgewiesen werden.

Eine zweite zeitgenössische Überlieferung

Ein britischer Verhörbericht über die Besatzung von U 99 enthält einen weiteren bemerkenswerten Hinweis.

Danach fing U 99 im Laufe des 11. März ein sehr schwaches und unverständliches Kurzsignal eines anderen U-Bootes auf. Einige Besatzungsangehörige glaubten, der Absender könne Prien gewesen sein. Als mögliche Ursache für die schlechte Verständlichkeit wurde eine Störung der Sendeanlage erwogen.

Die dort wiedergegebene Ereignisfolge liegt gegenüber dem BdU-Kriegstagebuch durchgehend ungefähr einen Tag später. Das spricht dafür, dass der U-99-Bericht wahrscheinlich dasselbe Signal abweichend datiert – und nicht einen zusätzlichen Funkspruch vom 11. März dokumentiert.

Damit existieren zwei zeitgenössische Überlieferungsperspektiven, die das schwache Signal mit U 47 beziehungsweise Günther Prien verbinden.

Sie dürfen nicht als zwei vollständig unabhängige Beweise behandelt werden. Es ist unbekannt, welche Informationen die Männer von U 99 bereits kannten. Der Bericht verstärkt die Zuschreibung aber, weil auch Angehörige einer anderen U-Boot-Besatzung die Sendung mit Prien in Verbindung brachten.

Was die Untersuchung belegt – und was nicht

Die Untersuchung kommt zu einem klar abgegrenzten Ergebnis:

U 47 ist nach dem sicheren Ausschluss von U 70 der einzige zeitgenössisch gestützte Absenderkandidat für das Signal vom 10. März. Die Zuschreibung an U 47 ist deshalb hoch plausibel.

War U 47 der Absender, dann existierte das Boot zu diesem Zeitpunkt noch. Ein sendendes Boot kann nicht bereits drei Tage zuvor untergegangen sein.

Nicht geklärt wird dadurch:

  • wo genau sich U 47 befand,
  • welchen Kurs das Boot anschließend nahm,
  • wie lange es nach dem Signal noch existierte,
  • wann und wodurch es tatsächlich verloren ging,
  • wo sich das Wrack befindet.

Die Untersuchung ersetzt den 7. März daher nicht durch einen neuen, angeblich sicheren Untergangstag am 10. März. Sie zeigt vielmehr, dass der 7. März nur als letzter zweifelsfrei identifizierter Kontakt und als später verwendetes administratives Vermisstendatum gelten kann.

Der tatsächliche Verlusttag bleibt unbekannt.

Warum diese Unterscheidung für Angehörige wichtig ist

Historische Datierungen sind nicht nur Einträge in Tabellen.

Hinter U 47 standen 45 Männer. Ihre Namen erscheinen in Familienunterlagen, Besatzungslisten, Datenbanken, Gedenkbüchern und möglicherweise auf Gedenktafeln. Für Angehörige und Nachkommen kann es einen persönlichen Unterschied machen, ob ein Vater, Ehemann, Sohn oder Großvater an einem bestimmten Tag noch lebte.

Vielleicht fiel in diese Tage ein Geburtstag, die Geburt eines Kindes, ein Brief oder ein anderes Ereignis, das in einer Familie bis heute erinnert wird. Solche konkreten Fälle sind bislang nicht untersucht und dürfen nicht erfunden werden. Die Möglichkeit zeigt aber, warum historische Genauigkeit auch Jahrzehnte später mehr als eine akademische Frage ist.

Wo der 7. März als sicherer Todestag angegeben wird, ist die Formulierung nach dem heutigen Quellenstand zu eindeutig.

Sachlich präziser wäre:

Letzter sicher identifizierter Kontakt am 7. März 1941. Mit hoher Plausibilität am 10. März noch in Funkbetrieb. Tatsächlicher Verlusttag unbekannt.

Wissenschaftliche Veröffentlichung auf Zenodo

Die vollständige Untersuchung mit Quellenchronologie, Alternativsenderprüfung, methodischen Grenzen und englischer Übersetzung ist frei zugänglich auf Zenodo veröffentlicht.

Stephan Graf Mueller: U 47 und das Positionskurzsignal vom 10. März 1941. Eine quellenkritische Neubewertung der Verlustchronologie. Altamarin Verlag, 2026.

DOI: 10.5281/zenodo.22858027

Der Datensatz enthält die deutsche Originalfassung und eine vollständige englische Übersetzung. Beide Fassungen stehen unter der Lizenz CC BY 4.0.

Das Buch zur letzten Feindfahrt von U 47

Das Buch Das Rätsel um U 47 von Stephan Graf Mueller untersucht die letzte Feindfahrt, die überlieferten Funksprüche, die früheren Verlusttheorien und die bis heute offene Frage nach dem tatsächlichen Schicksal des Bootes.

Die wissenschaftliche Veröffentlichung konzentriert sich bewusst auf die eng umrissene Signalfrage. Das Buch ordnet diesen Befund in die größere Geschichte der letzten Unternehmung und der möglichen weiteren Route von U 47 ein.

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Forschung bleibt offen

Der wichtigste noch fehlende Quellenkomplex besteht aus den technischen Funkunterlagen: dem Rohfunkspruch, Empfangsprotokollen, Peilwerten oder einer vollständigen Wiedergabe des Positionsfragments.

Sollten sich solche Unterlagen in Archiven, Nachlässen oder privaten Sammlungen erhalten haben, könnte die damalige Zuschreibung erstmals technisch überprüft werden.

Auch Familienunterlagen können von Bedeutung sein. Briefe, Tagebücher, amtliche Mitteilungen oder Erinnerungen von Angehörigen ersetzen keine Funkquelle. Sie können aber zeigen, wie der Verlust zeitgenössisch mitgeteilt und welches Datum in den einzelnen Familien tatsächlich überliefert wurde.

Der Altamarin Verlag wird die Recherche deshalb fortführen und neue belastbare Hinweise in die weitere Untersuchung einbeziehen.

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