Günther Prien und U 47 gehören zu den bekanntesten Namen des deutschen U-Boot-Krieges. Der nächtliche Angriff auf den britischen Flottenstützpunkt Scapa Flow machte den Kommandanten und sein Boot bereits wenige Wochen nach Beginn des Zweiten Weltkriegs berühmt. Die nationalsozialistische Propaganda formte daraus eine Heldengeschichte. Weniger eindeutig ist das Ende: U 47 verschwand im März 1941 mit 45 Mann im Nordatlantik. Ein Wrack wurde bis heute nicht zweifelsfrei identifiziert.
Über Jahrzehnte galt der 7. März 1941 als Verlusttag. Doch eine neue Auswertung zeitgenössischer Unterlagen stellt diese Datierung infrage. Ein am 10. März empfangenes Positions-Kurzsignal wurde von der deutschen U-Boot-Führung schon damals mit höherer Wahrscheinlichkeit U 47 zugeschrieben. Der einzige ausdrücklich genannte Alternativsender war zu diesem Zeitpunkt bereits versenkt.
Damit beginnt die Suche nach dem tatsächlichen Schicksal von U 47 neu.
Ein Kommandant und sein Boot
Günther Prien übernahm U 47 im Dezember 1938. Das Boot gehörte zum Typ VIIB, einem für weiträumige Atlantikeinsätze entwickelten U-Boot-Typ. Es war knapp 66,5 Meter lang und verfügte über vier Torpedorohre im Bug, ein Hecktorpedorohr sowie ein Deckgeschütz.
Als der Krieg im September 1939 begann, gehörte U 47 zu den einsatzbereiten Frontbooten der Kriegsmarine. Prien war damals Kapitänleutnant. Innerhalb weniger Wochen sollte eine Unternehmung seinen Namen in ganz Europa bekannt machen.
Der Angriff auf Scapa Flow
Scapa Flow auf den Orkneyinseln war einer der wichtigsten Stützpunkte der Royal Navy. Die weitläufige Bucht wurde durch natürliche Engstellen, Sperrschiffe, Netze und weitere Sicherungen geschützt. Ein Eindringen mit einem U-Boot galt als außerordentlich schwierig.
In der Nacht vom 13. auf den 14. Oktober 1939 gelang U 47 dennoch die Einfahrt durch den Kirk Sound. Prien fuhr das Boot an den Sperren vorbei in den Flottenstützpunkt und griff das dort vor Anker liegende britische Schlachtschiff HMS Royal Oak an.
Der erste Torpedoangriff richtete zunächst nur begrenzten Schaden an. Prien ließ wenden, lud nach und griff ein zweites Mal an. Mehrere Torpedos trafen. Die Royal Oak sank innerhalb weniger Minuten. Mehr als 830 Männer kamen ums Leben. Das Wrack ist bis heute ein britisches Seekriegsgrab.
U 47 entkam aus Scapa Flow und kehrte nach Deutschland zurück. Aus militärischer Sicht war der Angriff ein außergewöhnlicher Erfolg gegen einen bedeutenden britischen Flottenstützpunkt. Für die Besatzung der Royal Oak und ihre Familien war er eine Katastrophe. Beides gehört zur historischen Einordnung.
Wie aus Prien der „Stier von Scapa Flow“ wurde
Die nationalsozialistische Führung erkannte sofort den propagandistischen Wert des Angriffs. Prien und seine Besatzung wurden öffentlich empfangen, ausgezeichnet und in Zeitungen sowie Wochenschauen präsentiert. Adolf Hitler verlieh Prien das Ritterkreuz. Das Bild des erfolgreichen, entschlossenen U-Boot-Kommandanten wurde zu einem der bekanntesten deutschen Kriegsmythen der ersten Kriegsjahre.
Mit U 47 verband sich fortan das Zeichen des schnaubenden Stiers. Prien wurde als „Stier von Scapa Flow“ bezeichnet. Hinter dieser Inszenierung stand jedoch ein reales Kriegsgeschehen mit hohen Verlusten. Eine heutige Darstellung muss deshalb zwischen der militärischen Leistung des Eindringens, der propagandistischen Überhöhung und den menschlichen Folgen des Angriffs unterscheiden.
Neun Feindfahrten und ein wachsender Mythos
Bis Anfang 1941 hatte U 47 neun Feindfahrten hinter sich. Das Boot operierte im Atlantik gegen alliierte Handelsschiffe und Geleitzüge. Prien gehörte zu den erfahrensten und bekanntesten deutschen U-Boot-Kommandanten.
Seine Bekanntheit änderte jedoch nichts an den Bedingungen an Bord. U 47 blieb ein technisch begrenztes Frontboot. Wetter, Brennstoff, Torpedovorrat, Maschinenzustand, Funkverbindungen und die alliierte U-Boot-Abwehr bestimmten den Alltag und die Überlebenschancen.
Nach einer längeren Werftliegezeit lief U 47 am 20. Februar 1941 aus Lorient zur zehnten Feindfahrt aus. Während dieser Unternehmung wurde Prien mit Wirkung zum 1. März zum Korvettenkapitän befördert.
Die zehnte und letzte Feindfahrt
U 47 operierte erneut im Nordatlantik. Ende Februar beteiligte sich das Boot an den Kämpfen um den Geleitzug OB 290. Am 28. Februar versenkte es die Holmelea, einen Nachzügler des Geleitzugs HX 109.
Anfang März wurde U 47 gemeinsam mit weiteren deutschen Booten gegen einen neuen Geleitzug eingesetzt. Am Abend des 6. März meldete Prien einen nordwärts laufenden Verband, der heute mit OB 293 identifiziert wird, und hielt Fühlung.
In den frühen Morgenstunden des 7. März war U 47 noch an der Operation beteiligt. Eine um 04.54 Uhr überlieferte Geleitzugmeldung gilt als letzter Funkspruch, der dem Boot zweifelsfrei zugeordnet werden kann. Spätere Aufforderungen zur Positionsmeldung blieben unbeantwortet.
Danach verliert sich die sichere Spur.
Die lange Zeit akzeptierte Untergangserklärung
Über Jahrzehnte wurde angenommen, U 47 sei in der Nacht zum 8. März durch den britischen Zerstörer HMS Wolverine versenkt worden. Diese Erklärung fand Eingang in Bücher, Besatzungslisten und historische Darstellungen.
Spätere Auswertungen ergaben jedoch, dass der betreffende Angriff mit großer Wahrscheinlichkeit dem deutschen U-Boot UA gegolten hatte. UA wurde schwer beschädigt, entkam aber. Die frühere Standarderklärung für den Untergang von U 47 war damit nicht mehr haltbar.
Geblieben war dennoch der 7. März als vermeintlich genaues Verlust- oder Todesdatum. Dabei belegt dieser Tag nur den letzten zweifelsfrei identifizierten Kontakt. Ein beobachteter Untergang von U 47 ist für den 7. März nicht nachgewiesen.
Es gibt keine Überlebenden der letzten Unternehmung, keinen bestätigten Untergangsort und bis heute kein allgemein anerkanntes Wrack von U 47.
Das Positions-Kurzsignal vom 10. März 1941
Der entscheidende neue Ansatz liegt drei Tage nach dem bislang angenommenen Verlusttag.
Das Kriegstagebuch des Befehlshabers der U-Boote vermerkt am 10. März 1941 den Empfang eines unvollständigen Kurzsignals mit Positionsangabe. Eine angeforderte Wiederholung blieb aus. Als Absender wurden zwei Boote erwogen: möglicherweise U 70, mit höherer Wahrscheinlichkeit U 47.
Aus damaliger deutscher Sicht war diese Unsicherheit nachvollziehbar. Heute wissen wir jedoch, dass U 70 bereits am 7. März versenkt worden war. Der Kommandant und weitere Überlebende befanden sich in britischer Gefangenschaft. U 70 konnte am 10. März nicht mehr senden.
Damit bleibt U 47 als einziger zeitgenössisch ausdrücklich gestützter Kandidat übrig. Das ist kein technischer Identitätsbeweis, denn das Rohsignal, die vollständige Position und mögliche Peilwerte liegen bislang nicht vor. Die Zuschreibung an U 47 ist nach dem heutigen Quellenstand aber hoch plausibel.
Eine zweite zeitgenössische Überlieferung stützt diese Bewertung: Ein britischer Verhörbericht über die Besatzung von U 99 erwähnt ein sehr schwaches, unverständliches Kurzsignal, das einige Männer mit Prien in Verbindung brachten. Die Chronologie des Berichts ist wahrscheinlich um einen Tag verschoben und dürfte dasselbe Signal betreffen.
Die ausführliche Quellenanalyse zum Positions-Kurzsignal vom 10. März 1941 erklärt den Befund, die Prüfung des Alternativsenders und die methodischen Grenzen im Einzelnen.
Was die neue Spur verändert
Wenn das Signal vom 10. März von U 47 stammte, kann das Boot nicht bereits am 7. März untergegangen sein. Der bisher häufig genannte Verlusttag wäre dann um mindestens drei Tage zu früh angesetzt.
Das bedeutet nicht, dass U 47 nachweislich am 10. März sank. Im Gegenteil: Das Signal verschiebt den letzten plausiblen Lebensnachweis, ohne einen neuen Untergangstag festzulegen. Wann und wodurch das Boot tatsächlich verloren ging, bleibt offen.
Diese Unterscheidung ist nicht nur akademisch. An Bord befanden sich 45 Männer. Für ihre Familien und Nachkommen kann es einen erheblichen Unterschied machen, ob ein Vater, Ehemann, Sohn oder Großvater an einem bestimmten Tag noch lebte. Gedenktafeln, Datenbanken und Familienunterlagen sollten deshalb den 7. März nicht länger ohne Einschränkung als gesicherten Todestag behandeln.
Sachlich präziser ist:
Letzter sicher identifizierter Kontakt am 7. März 1941. Mit hoher Plausibilität am 10. März noch in Funkbetrieb. Tatsächlicher Verlusttag unbekannt.
Führte der letzte Weg nach Bergen?
Das Buch Das Rätsel um U 47 geht über die engere Signalfrage hinaus. Es untersucht, wie sich das Boot nach einem möglichen Funkproblem verhalten haben könnte.
Ein Kurs in Richtung Bergen erscheint operativ plausibel. Der norwegische Hafen wurde im betreffenden Zeitraum von deutschen U-Booten tatsächlich für Versorgung und Reparaturen genutzt. Ein Weg nördlich um die Shetlandinseln war befahrbar und anderen Booten bekannt.
Westlich von Bergen befindet sich außerdem ein amtlich kartiertes, öffentlich bislang nicht identifiziertes Wrack. In einem festgelegten geometrischen Modell liegt es auffällig nahe an der direkten Verbindung zwischen dem rekonstruierten Ausgangsraum und Bergen.
Diese Übereinstimmung ist eine Spur, kein Beweis. Es fehlen öffentlich verifizierte Maße, Sonaraufnahmen oder andere technische Merkmale, die das Wrack als U-Boot des Typs VIIB und schließlich als U 47 identifizieren könnten. Auch ein konkreter Befehl an Prien, Bergen anzulaufen, ist nicht überliefert.
Die Beweislage besitzt deshalb klare Stufen:
- Stark ist die Neubewertung des Signals vom 10. März.
- Plausibel, aber nicht bewiesen, ist ein anschließender Ostkurs nach Bergen.
- Offen ist die Identität des kartierten Wracks westlich der norwegischen Küste.
Das Rätsel um U 47 bleibt offen
Die neue Untersuchung löst das Rätsel nicht vollständig. Sie verändert aber seinen Ausgangspunkt. Der 7. März 1941 kann nicht länger ohne Vorbehalt als gesicherter Untergangstag gelten. Mit hoher Plausibilität war U 47 am 10. März noch in Funkbetrieb.
Damit werden auch ältere Verlusttheorien neu gewichtet. Nicht jede technisch denkbare Erklärung besitzt denselben Beweiswert. Entscheidend ist, welche Aussage sich auf zeitgenössische Unterlagen stützen lässt und wo eine Rekonstruktion beginnt.
Das Buch Das Rätsel um U 47 – Eine neue Spur zum verschwundenen U-Boot von Günther Prien rekonstruiert die letzte Feindfahrt, prüft die früheren Untergangstheorien und verfolgt die mögliche Spur bis vor die norwegische Küste.
Mehr zum Buch „Das Rätsel um U 47“
Wissenschaftliche Veröffentlichung und Quellen
Die vollständige quellenkritische Untersuchung zur Verlustchronologie ist frei zugänglich:
Stephan Graf Mueller: U 47 und das Positionskurzsignal vom 10. März 1941. Eine quellenkritische Neubewertung der Verlustchronologie. Altamarin Verlag, 2026.
Zu den maßgeblichen zeitgenössischen Quellen gehören das Kriegstagebuch des Befehlshabers der U-Boote für März 1941, die nachträglich rekonstruierte Einsatzunterlage von U 47 sowie britische Verhörberichte zu U 70 und U 99. Die wissenschaftliche Veröffentlichung dokumentiert die Quellenhierarchie und die verbleibenden Unsicherheiten ausführlich.
1 Kommentar zu „Günther Prien und U 47: Von Scapa Flow bis zum rätselhaften Verschwinden“