Im April 1939 kehrte die Schwabenland von ihrer Antarktisreise zurück. Bereits im Juni wurde eine zweite Antarktisexpedition in Auftrag gegeben. Es folgten Programme, Schiffsnamen und Auslauftermine. Trotzdem begann die vorgesehene Fahrt von 1939/40 nicht. Gerade diese ungewöhnlich konkrete Planung zeigt, wie wichtig es ist, einen dokumentierten Auftrag von einem ausgeführten Unternehmen zu unterscheiden.
Das Kapitel „Was nach der Rückkehr geplant war“ im Buch Neuschwabenland – Was in der Antarktis wirklich geschah verfolgt die Folgepläne der ersten Reise. Es erschließt einen eigenen historischen Vorgang: den Versuch, aus einer schnellen Erkundung ein weiterführendes Antarktisprogramm zu machen.
Die zweite Antarktisexpedition sollte weiter nach Westen
Die naheliegende Vorstellung wäre eine Rückkehr nach Neuschwabenland, um das bereits fotografierte Gebiet genauer zu untersuchen. Die frühen Planungen für 1939/40 sahen jedoch ein anderes Hauptarbeitsgebiet vor: den pazifischen Sektor der Antarktis, zwischen Grahamland und dem Rossmeer.
Das war keine bloße Verlängerung der bisherigen Flugstrecken. Die Wahl hing auch mit territorialen Interessen und der Konkurrenz anderer Staaten zusammen. Die politischen Auftraggeber verbanden die Erkundung mit der Sicherung des deutschen Walfangs und möglichen späteren Besitzansprüchen. Wissenschaftliche Aufgaben und wirtschaftspolitische Ziele waren in diesem Programm miteinander verflochten.
Wer jeden Folgeplan unter dem Namen Neuschwabenland zusammenfasst, verwischt deshalb eine geografisch wichtige Unterscheidung. Eine deutsche Antarktisplanung war nicht automatisch eine Planung für genau das 1939 erkundete Gebiet.
Vom frühen Flugbootprogramm zur Arbeit an Land
Am 19. Juni 1939 wurde der Auftrag zur Durchführung der zweiten Expedition erteilt. Ein früher Programmentwurf sah leistungsfähigere Dornier-Do-24-Flugboote für die Luftbildaufnahme vor. Meteorologische und ozeanografische Messungen sollten schon die Anfahrt begleiten; in antarktischen Küstengewässern sollten biologische Untersuchungen hinzukommen.
Im weiteren Verlauf änderte sich das Konzept. Neben der Schwabenland erschienen der Fischdampfer Kehdingen und der Walfangdampfer Wal I im Reiseplan. Kleinere Schiffe sollten Arbeiten ermöglichen, für die das große Katapultschiff am Eisrand weniger geeignet war. Sie sollten unter anderem Walfangmöglichkeiten erkunden und bei geeigneten Eisverhältnissen eine Landung versuchen.
Im konkretisierten Programm waren ein Fieseler Storch und eine Ju 52 für Flüge von Land aus vorgesehen. Die Planung bewegte sich damit von einem vorwiegend schiffsgestützten Flugbootunternehmen zu einem Konzept mit einer geophysikalischen Landstation. Diese Varianten dürfen nicht zu einer angeblich schon vorhandenen Ausrüstung zusammengezogen werden. Ein vorgesehener Flugzeugtyp ist kein Nachweis seiner einsatzbereiten Bereitstellung.
Drei Termine, aber keine ausgelaufene Expedition
Für die drei Schiffe standen schließlich konkrete Oktobertermine fest: Die Wal I sollte am 11., die Kehdingen am 15. und die Schwabenland am 20. Oktober 1939 auslaufen. Nach der Fahrt entlang der südamerikanischen Ostküste war ein Zusammentreffen bei Deception Island vorgesehen.
Diese Angaben machen die Vorbereitung greifbar. Sie beschreiben zugleich Vorgänge im Futur: was die Schiffe tun sollten. Aus einem datierten Reiseplan entsteht keine vollzogene Abfahrt. Für die Rekonstruktion einer tatsächlichen Expedition wären Fahrtnachweise, Positionsangaben, Arbeitsberichte und weitere Spuren der Durchführung nötig.
Am 28. August wurden noch Richtlinien ausgearbeitet. Wenige Tage später begann mit dem deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939 der Krieg. Die Ausführung der geplanten Expedition 1939/40 wurde abgesagt. Der Auftrag hatte existiert; die Reise fand nicht statt.
Spätere Entwürfe sind ein neuer Planungsschritt
Damit verschwanden die Antarktisabsichten nicht sofort. Ritscher entwarf weitere Programme, darunter für 1940/41. Jetzt standen auch Bodenarbeiten in Neuschwabenland oder alternativ eine Erkundung von Kaiser-Wilhelm-II.-Land zur Diskussion. Das waren weitere Entwürfe mit veränderten Zielen, keine Fortsetzung einer bereits unterwegs befindlichen zweiten Expedition.
Für Neuschwabenland wurden zeitweilige Zeltlager und ein Küstenstützpunkt vorgesehen. Diese Angaben sind historisch interessant, weil sie zeigen, welche Lücken nach der ersten Luftbildreise bestanden. Sie belegen jedoch keine gebaute Anlage. Auch vorgesehene Vorräte für einen Notfall sind kein Nachweis, dass eine Gruppe tatsächlich überwinterte.
Die im Buch ausgewertete Forschung rekonstruiert hier Planungen, die sich nicht mehr verwirklichen ließen. Ein Programmpapier dokumentiert die Absicht seiner Verfasser. Ob daraus ein Bau oder ein Forschungsbetrieb entstand, muss anhand anderer Quellen geprüft werden.
Was die Akten tatsächlich erzählen
Die Folgepläne zeigen mehr als ein bloßes Gerücht: Es gab einen Auftrag, geografische Ziele, technische Varianten und konkrete Reisezeiten. Das macht die Geschichte substanziell. Sie erzählt von einer politischen und wissenschaftlichen Zukunft, die die Planer nach der Heimkehr vor Augen hatten.
Die im Buch herangezogene Untersuchung von Cornelia Lüdecke, „In geheimer Mission zur Antarktis“ (2003, insbesondere Seiten 85–89), rekonstruiert diese Schritte anhand historischer Unterlagen. Die Trennung zwischen ausgeführter Reise, erteilter Anweisung und späterem Entwurf ist dabei entscheidend.
Ein anderes Ergebnis der ersten Expedition, ihre Luftbilder und deren heutige Vergleichbarkeit, behandelt unser Beitrag „87 Jahre im Vergleich: Wie beständig ist das Eis in Neuschwabenland?“. Zur historischen Quellenuntersuchung führt die Altamarin-Produktseite zum Neuschwabenland-Buch.
Beitragsbild: KI-generierte Illustration zur Reiseplanung mit schematischer Karte; keine Archivaufnahme, kein historisches Originaldokument und keine maßgetreue Expeditionskarte.