Die Antarktis gilt als Sinnbild des schmelzenden Eises. Doch ein Vergleich historischer Luftbilder von 1939 mit Satellitenaufnahmen von 2026 zeigt in ausgewählten Gebieten Neuschwabenlands ein überraschend beständiges Bild: Eine deutliche Veränderung der sichtbaren Vergletscherung ist dort nicht erkennbar.
Was lässt sich erkennen, wenn fast neun Jahrzehnte zwischen zwei Beobachtungen liegen? Diese Frage steht im Mittelpunkt einer neuen Forschungsnotiz des Altamarin Verlags. Untersucht wurden ausgewählte Gebirgslandschaften im zentralen Orvinfjella in Dronning Maud Land. Grundlage sind historische Luftbilder der Deutschen Antarktischen Expedition 1938/39, wissenschaftliche Vergleichsaufnahmen bis 2009 und aktuelle Sentinel-2-Satellitendaten vom Januar 2026.
Vom Buchprojekt zur Forschungsnotiz
Die Untersuchung entstand als Nebenprodukt der Recherchen zu unserem Buch über Neuschwabenland. Bei der Arbeit an den historischen Expeditionen, Luftbildern und geografischen Quellen stellte sich die offene Frage, wie stark sich die sichtbare Eislandschaft seit 1939 tatsächlich verändert hat. Aus dieser Frage entwickelte sich eine eigenständige, quellenkritische Auswertung, die schließlich über den ursprünglichen Buchrahmen hinausging und als Forschungsnotiz veröffentlicht wurde.
Das Buch Neuschwabenland bei Amazon ansehen (Buchseite im Altamarin-Shop) behandelt den größeren historischen Zusammenhang. Die wissenschaftliche Forschungsnotiz dokumentiert dagegen gezielt den überprüfbaren Bildvergleich zur Vergletscherung.
Ein außergewöhnlich langer Bildvergleich
Die Flugzeuge der Deutschen Antarktischen Expedition nahmen Anfang 1939 große Teile Neuschwabenlands aus der Luft auf. Diese Bilder gehören zu den frühesten systematischen fotografischen Dokumentationen der Region. Mehr als siebzig Jahre später verglichen Wissenschaftler ausgewählte Aufnahmen mit neueren Luftbildern aus den Jahren 1985 und 2009.
Die damalige Untersuchung kam für die betrachteten Bereiche des zentralen Orvinfjella zu einem bemerkenswerten Ergebnis: Sie fand keine signifikanten Hinweise auf eine Veränderung des sichtbaren Vergletscherungsgrades. Felsgrenzen, Eisflächen und markante Moränenstrukturen ließen sich über die verschiedenen Aufnahmejahre hinweg wiedererkennen.
Die neue Forschungsnotiz prüft diese historische Zuordnung erneut und verlängert die Beobachtungsreihe mit Sentinel-2-Aufnahmen vom 31. Januar 2026. Damit umfasst der Bildvergleich nun einen Zeitraum von nahezu 87 Jahren.
Was auf den aktuellen Satellitenbildern zu sehen ist
Auch auf den Aufnahmen von 2026 bleiben die großräumigen Beziehungen zwischen Eis, freiliegendem Fels und Moränen in den untersuchten Landschaftsausschnitten deutlich erkennbar. Die markanten Geländeformen erscheinen in ihrer grundlegenden Anordnung weiterhin ähnlich. Eine ausgeprägte Verschiebung der sichtbaren Eisgrenzen, wie sie bei einem starken lokalen Rückzug zu erwarten wäre, ist an diesen Stellen nicht zu erkennen.
Ausgewählte Gebiete des zentralen Orvinfjella zeigen im Bildvergleich zwischen 1939 und 2026 keine deutlich erkennbare Veränderung des sichtbaren Vergletscherungsgrades.
Das ist die zentrale Aussage der Arbeit. Sie ist weder ein Beleg dafür, dass in der gesamten Antarktis alles unverändert geblieben ist, noch eine Messung der gesamten Eismasse. Sie zeigt jedoch belastbar, dass die untersuchten Landschaftsausschnitte über einen außergewöhnlich langen Zeitraum visuell bemerkenswert beständig geblieben sind.
Warum dieses Ergebnis wichtig ist
In der öffentlichen Diskussion wird „die Antarktis“ häufig wie eine einheitliche Landschaft behandelt. Tatsächlich ist der Kontinent größer als Europa und weist sehr unterschiedliche regionale Bedingungen auf. Einzelne Beobachtungen dürfen deshalb nicht ohne Weiteres auf den gesamten Kontinent übertragen werden.
Gerade darin liegt der Wert des langen Bildvergleichs: Er liefert eine klar abgegrenzte, überprüfbare Beobachtung für ein konkretes Gebiet. Wo historische und aktuelle Aufnahmen dieselben Fels-, Eis- und Moränenstrukturen zeigen, ist die Feststellung visueller Beständigkeit wissenschaftlich relevant – auch wenn aus Bildern allein keine exakte Massenbilanz des Eises berechnet werden kann.
Eine Veränderung der Eisfläche, der Eisdicke und der gesamten Eismasse sind nicht dasselbe. Luft- und Satellitenbilder erfassen vor allem sichtbare Oberflächen und Grenzen. Für genaue Aussagen über Volumen oder Masse wären ergänzende Höhenmodelle, Radar- oder Schwerefeldmessungen erforderlich. Diese methodische Grenze wird in der Veröffentlichung ausdrücklich benannt.
Damit ist die Arbeit kein Nachweis dafür, dass „nichts geschehen“ sei. Ihr Befund ist präziser: Innerhalb der sichtbaren Auflösung und an den konkret verglichenen Stellen fehlt ein deutlicher Hinweis auf eine großräumige Veränderung. Auch ein solcher Nullbefund besitzt wissenschaftlichen Wert, weil er eine verbreitete Erwartung an überprüfbaren Beobachtungen misst und eine dokumentierte Grundlage für weitere Vergleiche schafft.
Offene Daten statt bloßer Behauptungen
Die Forschungsnotiz wurde als frei zugängliche Veröffentlichung auf Zenodo bereitgestellt. Produktkennungen der Sentinel-2-Aufnahmen, Koordinaten, Aufnahmezeiten und Prüfsummen ermöglichen es, die verwendeten Daten unabhängig nachzuvollziehen. Die Arbeit versteht sich damit zugleich als Ausgangspunkt für spätere quantitative Untersuchungen.
- Untersuchungsgebiet: ausgewählte Gebirgsregionen des zentralen Orvinfjella, Neuschwabenland
- Vergleichszeitraum: 1939 bis 2026
- Quellen: historische Luftbilder, wissenschaftliche Vergleichsaufnahmen und Sentinel-2-Daten
- Ergebnis: keine deutlich erkennbare Veränderung des sichtbaren Vergletscherungsgrades an den untersuchten Stellen
- Lizenz: frei zugänglich unter CC BY 4.0
Vollständige Zitierangabe:
Mueller-Gohr, Stephan Graf (2026): Neuschwabenland: Vergletscherung im historischen Luftbildvergleich 1939–2009 und Satellitenansichten von 2026. Altamarin Verlag. DOI: 10.5281/zenodo.22907543.
Weitere wissenschaftliche Veröffentlichungen des Autors sind im ORCID-Profil von Stephan Graf Mueller verzeichnet.
1 Kommentar zu „87 Jahre im Vergleich: Wie beständig ist das Eis in Neuschwabenland?“